Äußerlichkeiten

Verlottert Deutschland?

Ein Pressefoto will mir nicht aus dem Kopf gehen: Kürzlich angekommene Geflüchtete in meiner Stadt sollen das Umland kennenlernen. Für den Ausflug steht ein Bus bereit. Alle haben sich in Schale geworfen, tragen ihre Sonntagssachen. Nur die beiden deutschen Betreuerinnen wirken auf dem Gruppenbild in ihren angesagten zerrissenen Jeans wie ein Fremdkörper.

Man trägt Loch.
Löchrig wie ein Schweizer Käse, so lieben sehr modebewusste Frauen (Fashionistas) derzeit ihre Skinny Jeans. Die Hosen im extremen Used-Look sehen aus, als wären sie älter als ihre Besitzerinnen. Aufgeribbelte Säume, herabhängende Fäden – Stofffetzen, die lediglich von purem Optimismus zusammengehalten werden. Gekauft zu höheren Preisen als eine heile Hose. Auch Sneakers (Golden Goose), die schon zu ausgelatscht und schmierig erscheinen, um im Altkleidercontainer zu verschwinden, werden für umgerechnet 540 EUR im Luxuskaufhaus Barneys verkauft.
Mit diesen Vokabeln beschreiben die Hersteller die Art und den Grad der Stoffverletzung ihre zerschlissen Hosen: Distressed oder Destroyed Denim, Extreme Rips, Busted Knees, All-over Shredded, Cut-Out-Jeans, Underbutt-Jeans. Das Wort „distressed“ kann mit in etwa „gequält“/„geplagt“ übersetzt werden. Aber auch mit „unglücklich“/„verzweifelt“.

Uncooler Riss
Nicht jede Frau (schon gar nicht jenseits der 25!) kann diese Zerlumpung tragen. Und nicht jeder/m steht jeder Riss! Ganz schlimm oft das unglückliche Resultat, wenn rundliche Frau eine alte, hautenge Hose selbst zu einer ultracoolen Jeans zerschnippelt: Viel zu großer „Knie-Cut“! Und so sieht dann oft das hervorquellende Fleisch am Knie (vor allem bei Kälte) bläulich und irgendwie tot aus. „Aufgeplatzte Weißwurst mit Fadenresten explodierten Schweinedarms“, nannte es kürzlich ein Moderator. Wenn sich vor mir pralles Knie durch den Fransenschlitz quält, möchte ich vor lauter Mitleid schon mal ´nen Fuffi für eine unversehrte Hose zustecken.

Wieso macht man das Heile kaputt? Neu ist das ja nicht. Die längste Zeit war die Jeans eine Arbeitshose. Schaden erlitt sie nur durch natürliche Abnutzung. Hippies, Freaks und Rocker fanden in den 60ern eine sehr (!) getragene Jeans kultig. Der Used Look ist seit der 80er-Jahre angesagt. Unkonventionell und rebellisch war die Parole. Viele erinnern sich noch an das gute Stück, das, schon stonewashed gekauft, mit Bimsstein und Schmirgelpapier nachbearbeitet wurde. Heute tun Käsereibe, Stahlwolle und Fußfeile das Übrige. Im wahren Leben gehen Jeans an uncoolen Stellen kaputt. Wer viel radelt, weiß, was ich meine.

Null Botschaft
Heutzutage sollen zerschlissenen Jeans wohl von unbekümmerten Tagen im Sommer erzählen. Löcher sollen nicht provozieren. Wer morgens in eine zerrissene Jeans schlüpft, will womöglich nur als Freigeist erscheinen, auch wenn er in Wirklichkeit ein Konformist ist.
Mit diesem Arme-Leute-Look mag sicherlich niemand bewusst Elend simulieren und auf Wohlstand pfeifen, denn obenherum muss der Dress ja edel und teuer sein, sonst wirkt der Look billig. Wie pervers. In vielen Ländern der 3. Welt wären sie froh, ganze Kleider zu haben!

Kulturkritiker klagen: Die Leute wollen nicht mehr erwachsen sein. Die Fähigkeit, sich zu distanzieren, sich abzugrenzen und Frustrationen auszuhalten, geht verloren. Fürs Büro sollten, falls überhaupt, nur Bluejeans im Destroyed Look mit gaaanz wenigen Minilöchern und gebleichten Stellen gewählt werden.

Kleidung beeinflusst unser Selbstbild
Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt, dass unsere Kleidung ein äußerst machtvolles Beeinflussungsinstrument ist. Nicht nur lenkt sie den Eindruck, den andere von uns haben, in eine bestimmte Richtung – sie hat auch eine durchgreifende Wirkung auf uns selbst. Stimmung, Selbstbild, sogar Konzentration und Denkvermögen lassen sich durch eine gekonnte Auswahl des Outfits steuern (Psychologie Heute, 2016).

Kurz ausgedrückt: Wer übergreifende Probleme zu lösen hat, sollte nicht in T-Shirt und Schlabberhose darangehen. Denn ein Anzug oder ein Kostüm vermittelt dem Träger: „Ich habe Macht.“ Und wer Macht hat, kann sich eher ums große Ganze kümmern. (Prof. Bettina Hannover/Prof. Ulrich Kühnen)
Die wichtigsten Gründe, warum wir uns herausputzen, sind im Ranking von Platz eins „sich selbstbewusst fühlen“ über „sich wohlfühlen“ und „als Selbstausdruck“ bis Platz neun „in den Hintergrund treten“. Wenn wir anderen signalisieren, dass wir uns um uns selbst kümmern, sehen uns andere eher als jemanden, der es wert ist, dass man sich (auch) um ihn kümmert. Attraktive Kleidung anzuziehen, die einem steht, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass uns andere positiv behandeln, was wiederum uns, dem Träger der Kleidung, ein gutes Gefühl gibt.

Kleidung drückt auch immer die Einstellung und die Wertschätzung für den Ort aus, an dem sie getragen wird. Schade, dass ich keine Gelegenheit hatte, mit den Geflüchteten auf dem Zeitungsfoto zu sprechen. Wie sie wohl die Kleiderwahl der Betreuerinnen wahrgenommen haben? Susanne Helbach-Grosser (2017)

„Letzter Aufruf für Herrn Reinhard S.!“

Sichtlich gerädert erreicht er gerade noch die Maschine und fällt hochrot im Gesicht und schweißgebadet in seinen Sitz. Kurze Zeit danach frage ich mich bei seiner eindeutigen Geste: ob er sich wohl ganz sicher ist, sein Jackett jetzt ausziehen zu wollen?

Anlassen oder ablegen?
Nicht immer geht eine zu erwartende Geruchsbelästigung mit dem Ablegen eines Kleidungsstückes einher. Manchmal gehört sich eigenmächtiges Entblättern einfach nicht. In überheizten Räumen oder bei (halbwegs) offiziellen Anlässen im Hochsommer ohne Klimaanlage kann man nicht wirklich jemandem „Schwitzen für die Etikette“ verordnen. Doch sei die Frage erlaubt: inwieweit beeinflusst das abgelegte Jackett die eigene Professionalität negativ?

Mitdenkende Gastgeber, die schon beim Eintreffen dazu auffordern, die Jacketts an der Garderobe zu lassen, schließen wir ins Herz. In Besprechungen fragt der um Marscherleichterung, der am meisten „leidet“ – stilvoll müsste der Ranghöhere diese vorschlagen. Generell gilt: Ein Herrenhemd ist keine Oberbekleidung! Und die Rolle entscheidet – behält der Kunde sein Jackett an, dann ich ebenfalls; sind wir als Geschäftspartner auf Augenhöhe, kann ich es vorschlagen.

Mitwirkende an einem Geschäftsessen sehen zur Vorspeise oft anders gekleidet aus als zum Dessert. Jetzt ist der Hosenbund gelockert, die Krawatte und der Kragenknopf sowieso. Sieht irgendwie betrunken aus – oder gestresst!

Nach langen Geschäftsterminen oder ausgiebigen Einkaufstouren kann in einem leeren Zugabteil das Hochlegen der Beine (schuh- und geruchlos!) eine wahre Wonne sein. Stilvoll werden die Füße vom Sitz genommen, sowie jemand das Abteil betritt, denn zu unserer Kultur gehört es nicht, in Gesellschaft seine Füße zu entblößen. Ausgenommen sind hier natürlich religiöse Stätten und entsprechende Länder, an/in denen dies erwartet wird.

„Da ich das Parkett bezahlen muss, entscheide ich auch wer es kaputtmacht!“
In manchen Gegenden Deutschlands werden Sie als Gast doch tatsächlich gezwungen, sich im Flur Ihrer Schuhe zu entledigen! Sogar wenn Sie Vertreter sind oder zu einer Abendgesellschaft gehen! Wer jedoch in Cocktailkleid oder Anzug und Filzpantoffeln dasteht, verliert seine Souveränität und fühlt sich erniedrigt. Wenn Sie diese Unsitte kennen, bringen Sie sich am besten blitzblanke „Party-Shoes“ mit und wechseln diese möglichst schon vor der Tür. Die Gastgeber sollten das allerdings mitbekommen. Kleiner Trost: Auf Yachten sind Mörder-Heels auch nicht erwünscht.

Von Hüten, Beanies + Basecaps
Hüte werden von Frauen bei offiziellen Cocktailpartys, Empfängen, Gartenpartys, Hochzeiten und Pferderennen getragen. Innerhalb geschlossener Räume behalten Frauen ihren Hut bei eben genannten Gelegenheiten auf, falls er nicht zu groß ist und stören würde. Im Theater/Kino nimmt ein Hut meistens anderen Personen die Sicht – hier wird er selbstverständlich abgenommen. Männer tragen Hüte nur im Freien (ausgenommen Synagogen ...).

Die Beanie-Mütze („bean“ für Bohne) muss mann tragen können – nicht allen steht sie so gut wie Ashton Kutscher. Das vielleicht modischste, fein gewirkte Accessoire der vergangenen Jahre wird mit Vorliebe drinnen getragen – oder auch dann nicht abgenommen. Das kann beim Bewerbungsgespräch gar nicht cool und lässig rüberkommen.

Auch das Basecap wird von Männern heutzutage kurzerhand zu Bestandteilen ihres Outfits erklärt und wirkt wie angewachsen. Tja, der Zeitgeist kommt nicht immer respektvoll und stilsicher daher. Frage: Fashion, Glatze, Moslem …?

Die Queen lässt sie immer an – vor allem bei der Begrüßung.

Ein Handschlag zählt erst bei entblößter Hand so richtig. Tragen beide in eisiger Kälte Handschuhe, sollten sie sich verständigen. Lange Ballhandschuhe bleiben, wo sie sind – an Hand und Arm.

„Können Sie meine Augen sehen?“ ist die Frage an den Gesprächspartner, wenn einer optische Sonnenbrillengläser trägt, die er nicht schnell mal abnehmen kann. Wer die dunklen Gläser in geschlossenen Räumen aufbehält (Mann, bin ich wichtig!) oder ins Haar schiebt, ist sich einer gewissen, wenn auch zweifelhaften Aufmerksamkeit sicher. Verspiegelte Brillen sind tabu, weil man die Augen des anderen nun wirklich nicht sehen kann. Sehr unhöflich. Dahinter kann mein Gegenüber alles treiben – ein Nickerchen machen schlimmstenfalls. Susanne Helbach-Grosser (2013)

Regenschirm mit Stil

Kann ein x-beliebiger Schirm unser gepflegtes Business-Outfit beeinträchtigen? Ja, kann er. Regenschirme werden zu oft als Stiefkinder des Stils behandelt. Mit einem Schirm, der sofort seine Speichen sträubt, spart man an der falschen Stelle.

Schnappt man sich nach dem Blick in den Himmel rasch einen aus dem häuslichen Schirmständer oder nimmt den, der gerade im Auto liegt, passt er meistens nicht zum sorgsam gewählten Dress – er zeigt lustige bunte Motive in dominierenden Gelbtönen, einen breiten Werbeaufdruck oder ganz einfach die falsche Farbe.

Für einen soliden Herren-Regenschirm können Sie locker 600 EUR hinblättern (z. B. bei Swaine Adeney Brigg in London) mit einem Griff aus Malacca-Rohr oder handgenähtem Kalbsleder, eingelegten Silberarbeiten und Ihren Initialen. Ach, lassen wir das …
Auch bei einem weniger kostspieligen „umbrella“ lässt sein satter Klang beim Aufspannen Qualität erkennen. Ob Taschen- oder Stockschirm, mit oder ohne Automatik, ab einer gewissen Windbelastung sollte er flexibel sein oder gegebenenfalls umschlagen. Ein hochwertiger Regenschirm schlägt wieder zurück und nimmt seine ursprüngliche Form erneut an.
Auch ein Damenschirm kann ein klassischer Herrenschirm sein, nur etwas kleiner. Praktisch ist ein Knirps, eleganter nicht.

Eine schmeichelhafte Farbe wählen.

Der Reflektionsgrad der Schirmfarbe sollte nicht unterschätzt werden. Achtung vor schwarzen, knallblauen, grünen (!) und türkisfarbenen Regenschirmen! Darunter sehen Sie garantiert ziemlich krank aus.

Sanfte und helle (rötliche) Töne machen einen schönen Teint. Durchsichtig geht immer. Ein pinkfarbener Schirm wird in einem männlich dominierten Business-Umfeld zwar nicht so leicht geklaut, aber entscheidet sich frau wirklich für diese Farbe? Lebensfreude braucht er nicht zu spenden – die haben wir doch selbst genug. Nun ist ein Schirm für traditionsbewusste Männer eher ein schwarzes Modell oder eins mit einer dunklen Bespannung – das kann und will ich hier nicht wegreden.

Eingerollt hängen Sie den Schirm mit gebogenem Griff beim Gehen am besten über Ihren angewinkelten Unterarm. Ich entscheide mich immer für die linke Seite – Handtasche und Schirm gemeinsam, dann bleibt meine rechte Hand frei.

Früher beschirmten Herren Damen.

Heutzutage darf ER natürlich auch noch den Schirm halten. Überlasse ich ihn jedoch ganz generell einer Begleitperson, so wird sie ihn stets so halten, wie es für sie am bequemsten ist. Das heißt für mich unter Umständen, dass mein Styling leidet oder dass ich nass werde. Mein Selbsterhaltungstrieb ist größer als die ganze Galanterie – ich trage den Schirm sehr gerne selbst.

Manch ein lang gewachsener Mensch hat schon den unbekümmerten Umgang kleinerer Menschen mit dem Schirm beklagt – wenn dessen Spitzen ihn im Gesicht trafen.

Ist man zu zweit und hat nur einen Schirm, muss man nah zusammenrücken, um nicht nass zu werden. Das kann bei einem bis dato fremden Menschen zu Irritationen führen. Am besten fragt man: „Darf ich mich bei Ihnen einhaken?“ Oder bietet Einhaken bei sich selbst an.

Es gehört zu unseren Gastgeberpflichten, auf Schirmständer aufmerksam zu machen oder zu fragen: „Vertrauen Sie mir Ihren Schirm (und Mantel) an?“

Wie pflegt man einen Schirm?

Er sollte immer offen – jedoch nicht aufgespannt – trocknen. So leiert er nicht aus. Einen geöffneten Schirm sollte man nie mit Wucht hin- und her drehen, um Wassertropfen abzuschütteln. Mit etwas Haarspray eingesprüht wird er nicht so leicht porös. Susanne Helbach-Grosser (2015)

 

Schick gemacht für den Abschlussball

Wer dieser Tage Gruppenfotos von Abiturklassen anschaut, wird bemerken, wie viele der jungen Männer die Schleife zum Anzug wählten.

Hatte die Fliege nicht bis vor Kurzem noch ein arg angestaubtes Image? Operndirigenten tragen sie, Professoren in Wissenschaft und Forschung, unser Opi eventuell, Kellner und der Barkeeper. Staatsanwälte und Richter dürfen sie als Teil der Amtstracht binden. Und natürlich verlangen die klassischen Dresscodes „black tie“ und „white tie“ noch immer nach einer schwarzen beziehungsweise weißen Schleife.

Ein Comeback für den Querbinder?

Die großen Labels Gucci und Versace führen sie wieder in der Kollektion. Tommy Hilfiger auch. Ebenso H&M. In Dear Old Englang ist sie schon immer beliebt, in den USA der letzte Schrei. Es gibt sie zum Selbstbinden und fix und fertig aus fast allen Materialien wie Seide, Samt, Baumwollpikee, Viskose oder Kord. Das Selbstbinden erfordert zwar etwas Übung, die englische Redensart „a gentleman’s one“ ist für Schleifenliebhaber jedoch Gesetz: Nur selbstgebunden ist SIE eines Gentlemans würdig!

Alle bisher hier genannten Bezeichnungen für die Fliege sind korrekt. In Österreich sagt man Mascherl dazu, in der Schweiz auch Schlips. Eine Schleife zu fertigen ist ein aufwendiger Prozess. Gute haben deshalb ihren Preis.

Der Vorteil einer Schleife liegt auf der Hand: sie beim Essen zu bekleckern bedarf einiger Akrobatik oder grottenschlechter Tischmanieren; muss mann sich vorbeugen, baumelt sie nicht auf ein Objekt. Frauen finden (ihre) Männer angeblich schick mit Fliege und brauchen zurzeit wenig Überzeugungskraft, um IHN für diesen modischen Hingucker zu erwärmen. Gerade jüngere Männer sehen in der Schleife eine elegante Alternative für Abendveranstaltungen.

Die Krawatte hingegen erlebt zurzeit ihren Niedergang, möchte man meinen. Alle oben ohne!

Firmenchefs zeigen sich auf Geschäftsfotos gern betont locker und möchten mit der neuen (inszenierten?) Lässigkeit ihre Elitefunktion unterstreichen: Seht her, wir können auf solchen Formenkram verzichten.

Von oben auferlegter salopper Kleidungsstil kann in manchen Branchen bestimmt Barrieren zum Kunden abbauen, dadurch mehr Nähe erzeugen und dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen. Der „funkelnagelneue“ Schlachtruf: „Der Kunde soll sich wohlfühlen“ wird sehr bald in Studien hinterfragt werden. Eine der Erkenntnisse wird dann sein, dass viele Männer, die die Krawatte weglassen, nicht automatisch legerer wirken.

Ich fühle mich jedenfalls immer noch wohl und ernst genommen, wenn mich mein Banker mit Schlips berät. Förmliche Kleidung schafft nicht immer Distanz. Es gibt noch viele Branchen, in denen Seriosität auch äußerlich wichtig ist. Der Zeitstil zum offenen Kragen scheint ein nordeuropäisches Phänomen zu sein, oder kennen Sie einen italienischen Geschäftsmann, der mit offenem Kragen und Anzug zum Meeting erscheint?

Vielleicht ersetzt der K-Schal (Ascot) die neue Krawatte. Obwohl sich der echte Krawattenträger nicht von augenblicklichen Trends beirren lässt. Für ihn ist der „Strick“ unsterblich. Und wenn immer ein Finger breit Luft zwischen Hals und Hemdkragen ist, muss sich kein Mann wie in einer Zwangsjacke fühlen. Susanne Helbach-Grosser (2017)

Summer dreaming im Büro

Jetzt ist es wieder da - das Bacardi-Sprite/Aperol-Spritz-feeling in vielen Betrieben ab 25 Grad im Schatten. Auch in diesem Jahr. Richtig aufmerksam darauf machen mich regelmäßig ab Anfang Juni Anfragen von Journalistinnen und Journalisten:

„Welche Businesssünden sind im Sommer zu beobachten?“
„Gelten die Kleidungsregeln für Frauen und Männer im Büro auch bei so heißen Temperaturen wie heute?“
„Muss SIE wirklich Nylonstrümpfe tragen?“
„Darf ER jetzt kurzärmelig kommen? Auch in kurzen Hosen?“
„Wie kurz sollte der Rock sein?“
„Sind offene Schuhe erlaubt - auch für IHN?“
„Darf ich im Büro die Schuhe ausziehen?“
„Wann sind nackte Arme okay?“

Dass es jetzt wirklich Sommer ist, erkennt man auch an etwas anderem: Plötzlich ahnt man das wahre Alter der Kollegin D. – ihr raffinierter Wasserfallausschnitt macht’s möglich. Man erfährt, dass der neue Kollege als Jugendlicher diesen schlimmen Unfall mit der Heugabel hatte, dass H. das Problem mit seinem eingewachsenen Zehenrollnagel noch immer nicht löste und die Assistentin von Abteilungsleiter B. das Enthaaren ihrer Beine wohl in vollkommener Dunkelheit durchführt.

Sommerzeit ist Schwitzzeit.
Die Verlockung ist groß, sich über die Kundenerwartung und den Stil des Hauses (auch einmal) hinweg zu setzen. Mit Respekt vor dem Gesprächspartner hat das allerdings nichts zu tun. Ist es nicht auch eine schreiende Ungerechtigkeit, dass Männer im Beruf weniger Möglichkeiten haben, sich bei Hitze entsprechend luftiger zu kleiden als Frauen? Nein, nicht wirklich, finde ich.

Kurzarmhemd oder Hitzschlag?
Auch Männer können sich für den Sommer leichte Stoffe aus reiner Schurwolle zulegen - cool wool und dünnere Hemden. Locker gewebte Stoffe und Krawatten ohne viel Innenleben sorgen bei Hitze für Kühle – im Übrigen ist der einengende Übeltäter am Hals immer die falsche Kragenweite. Hemd über der Hose ist kein Business-Stil. Zur Grillparty passt es dann, in schicker einheitlicher Länge genäht. Wirklich nicht vorstellbar, dass Dax-Vorstände neue Kennzahlen in Kurzarmhemden und Sandalen präsentieren. Der lässige Mann krempelt lieber mal seine Ärmel auf anstatt wie ein „Uniformierter“ zu wirken. Finger weg von Leinen im Business – für beide Geschlechter: Darin wirken alle wie nach der Übernachtung unter einer Seine-Brücke! Außer es ist gewollt.

In vielen Unternehmen ist die sommerliche Siebenachtellänge als Businesshose für Frauen akzeptiert. Hierzu und zur dünnen langen Hose (nicht durchsichtig) geht auch ein topgepflegtes nacktes Bein in einem geschlossenen Schuh, Ballerina, Slingpumps oder Mokassins. Der Anblick nackter Zehen wirkt nicht nur in den USA als zu sexy. Hauchzarte Strumpfhosen zum Rock sind für den offiziellen Geschäftstermin die richtige Wahl. Für IHN kann es auch schon mal ein Mix aus Desert Boot und Bootsschuh sein, auch Stoffschuhe mit stärkerer Sohle sind bei jüngeren Männern angesagt.

Hitzefrei für meine Füße!
Eine Schale mit Eiswasser – ah, welche Wohltat für die Füße! Manch eine/r setzt (im Backoffice?) diesen Traum in die Tat um. Aber was ist, wenn der Chef um die Ecke kommt? Vorteilhaft bei geschwollenen Füßen sind Schuhe in einer Nummer größer als gewohnt.
Weniger Haut, mehr hot
Ein klassisches Kleid ohne Ärmel mit breiten Trägern wird bei schönen Oberarmen bestimmt einen guten Eindruck machen. Im Kundenkontakt ist SIE mit einer leichten Jacke darüber auf der sicheren Seite. Je weniger Haut SIE zeigt, desto mehr Autorität besitzt SIE.

Genießen Sie uneingeschränkt Ihr Bacardi-Feeling an allen anstehenden warmen Feier-Abenden. Susanne Helbach-Grosser (2016)

Dicke Luft im Büro

Was tun gegen strengen Geruch?

„Unser neuer Außendienst-Mitarbeiter müffelt. Ein Kunde hat sich schon beschwert. Soll ich den Kollegen darauf ansprechen?“

Wir prüfen zuerst: Riecht er nur ausnahmsweise etwas strenger oder halten die unangenehmen Ausdünstungen an? Bei letzterem sollte unverzüglich reagiert werden. Grundsätzlich sollte das eine Führungsaufgabe sein, wobei es natürlich auch auf das Verhältnis unter den Kollegen(innen) ankommt.

Es ist immer unangenehm, jemanden auf ein doch sehr persönliches Problem anzusprechen. Alles andere nützt aber nichts und schadet nur dem Arbeitsklima: Witze reißen über die schlechte Luft im Raum, demonstrativ die Fenster öffnen, sobald der Stinker das Zimmer betritt, Seife oder Deo kommentarlos schenken, usw.

Stink normal
Unter vier Augen kann man erkunden, ob nicht vielleicht ein medizinischer Befund hinter den Ausdünstungen steckt. Falls nicht, können sensibel Anti-Müffel-Tipps in der Ich-Form gegeben werden (zum Beispiel einen Freund erfinden, der das Problem auch hatte und wie er es mit konsequenter Körperpflege, einem Arztbesuch oder/und einem bestimmten schweißhemmenden Deo löste – z. B. Syneo 5 Deo Antitranspirant Spray).

Erfahrungsgemäß sind die meisten froh über die Rückmeldung und danken für den kollegialen Hinweis. Aber da man die Reaktion des „Stinkies“ nicht sicher vorher weiß, fürchten sich viele vor diesem doch etwas heiklen Thema.

Jeder Mensch schwitzt – aber merken soll es außerhalb von Sauna und Sportstudio niemand. Joachim Löw durfte, hatte aber auch ein weißes Hemd an, bei dem man die Schwitzflecken nicht so sehr sah.

Unangenehme Körpergerüche sind heute zu 95 Prozent ein hygienisches Problem, behaupten wir mal! Wer sich nicht regelmäßig wäscht, riecht. Wer morgens wieder in seine ungelüftete Kleidung vom Vortag steigt, riecht.

Schon 1957 schrieb die stellvertretende Protokollchefin des Auswärtigen Amts, Erika Pappritz „Kennen Sie das erregende Gefühl, frisch gewaschen zu sein?“

Ziemlich machtlos gegen Schwitzen und Rotwerden.

Vor Jahrhunderttausenden gaben uns schweißnasse Hände auf der Flucht einen besseren Halt beim Klettern auf die Bäume. Heute ist der Schweiß unser Feind. Ausgerechnet bei wichtigen Präsentationen und einem aufregenden Rendezvous sucht er uns heim, bei Gelegenheiten also, wo wir ihn überhaupt nicht gebrauchen können.

Je mehr wir die Folgen bedenken, desto unangenehmer wird die Schwitz-Situation oft noch, desto unsicherer wird man. Schwitzen wird von manchen als Unsicherheit interpretiert – und wer will schon unsicher erscheinen?

In manchen Situationen kann man den kleinen Schweißausbruch auch ansprechen – zum Beispiel im Bewerbungsgespräch: „Ich bin ein bisschen aufgeregt.“ Die Interviewer wissen das auch.

Oder man ist in einem schrecklich warmen Raum: „Darf ich meine Jacke ausziehen ...? Oder man hat sich abgehetzt, um einen Termin noch zu schaffen: „Nun bin ich doch richtig ins Schwitzen gekommen.“ Oft entkrampft das die Situation. Bei Banketten wurden schon Männer mit Kühlakkus in den Brusttaschen gesichtet! Wer weiß, dass er leicht ins Schwitzen gerät, präpariert sich mit T-Shirt unter dem Oberhemd und mit Cool Wool Stoffen (keine Kunstfaser). Besser keine farbigen Hemden oder Seidenkleider. Und stets sind feuchte Baumwolltücher im Gepäck (Werbe-Slogan: Die Dusche in der Tasche).

Manchmal ist es gnädiger für das Umfeld, das Sakko anzulassen (zum Beispiel in Bahn oder Flieger). Und das wissen Sie selbst: Eine nasale Katastrophe entsteht, wenn jemand auf Schweiß noch Parfüm gibt.

Schweißhände: Nur gelegentlich feuchte Hände können vor dem Handgeben (unauffällig!) am linken Jackenärmel abgestreift oder in der Jackentasche schnell noch mit einem zerknüllten Stofftaschentuch getrocknet werden.

Schweißfüße können sehr lästig sein – immer dann, wenn (unverhofft) die Schuhe ausgezogen werden müssen: Indien, Japan, Islam. Susanne Helbach-Grosser (2010)

 

Kein Sommer ohne Sonnenbrille, hieß es einst.

Sie war auch ein gutes Verkaufsargument gegen das schlimme Ozonloch. Heute ist sie zudem ein modisches Accessoire für jede Gelegenheit. Echte Kerle, modische Frauen, Stars, Möchtegern-Sternchen tragen sie gegen Blitzlichtgewitter und nächtliche gleißende Stroboskoplichter in der Disco. Sie kaschieren damit Emotionen oder durchzechte Nächte und verstecken sich ganz schlicht dahinter.

Manchmal wird die Sonnenbrille „sogar“ bei Sonnenschein eingesetzt. Dann beugt sie Faltenbildung vor, weil man die Augen nicht zukneifen muss. Mit einem wulstigen Markenlabel am Bügel signalisiert sie Zugehörigkeit und Exklusivität. Frankreichs Stil-Ikone und erfolgreicher Brillendesigner Alain Mikli meint: "Starke Fassungen mit dunklen Gläsern, die anderen den Blick auf die Augen verwehren, helfen lediglich, zu den eigenen Wurzeln zurückzufinden."

Sie drücken also das Bedürfnis nach Rückzug, nach Besinnung und Abstand aus oder krasser, sie zeigen das Bedürfnis nach Distanz. Allerdings macht man sich mit dieser Art von Abschottung auch verdächtig, wenn man es beispielsweise mit Behörden (Zollkontrolle!) zu tun hat.

Stilvoll mit Sonnenbrille
Höflich ist es, dem Gesprächspartner bei der Begrüßung in die Augen zu sehen. Darum auf jeden Fall die Sonnenbrille abnehmen. Bei einer langen Unterhaltung im Sonnenlicht kann sie natürlich wieder aufgesetzt werden. Niemand muss sich die Augen ruinieren. Verspiegelte Brillen sind tabu, weil man die Augen des anderen nicht sehen kann. Sehr unhöflich. Dahinter kann mein Gegenüber alles treiben - ein Nickerchen machen schlimmstenfalls.

Die Frage an den Gesprächspartner: „Können Sie meine Augen sehen?“ produziert dagegen anerkennende Blicke. Wirklich albern ist es, in der grellen Sonne mit zusammengekniffenen Augen herumzulaufen, bloß weil die Frisur ohne die Brillenfassung nicht hält. Im Jahr 1999 fand man das ja cool, jetzt nicht mehr.

Wer die Gläser in geschlossenen Räumen aufbehält (Mann, bin ich wichtig!) oder ins Haar schiebt, ist sich einer gewissen, wenn auch zweifelhaften Aufmerksamkeit sicher. Auch in Restaurants, Geschäften, Krankenhäusern etc. bitte immer abnehmen.

Sonnenbrillen bei Nacht sind erst recht stillos! Außer bei Heino, der hat sie sogar auf dem Passbild an. Susanne Helbach-Grosser (2012)

Männer (und Frauen) mit Hut haben etwas, finde ich.

Leider sind die eleganten Hutträger ausgestorben. Selbst in der Londoner City sieht man den Bowler nur noch selten. Der weiche, schwarze Homburg mit dem hochgebogenen Rand würde zu allem passen, macht sich jedoch genau so rar. Dafür prägen Basecaps, Mützen und alle Arten von Käppis das Straßenbild.

Für Jugendliche ist diese Kopfbedeckung in erster Linie ein modisches Accessoire, das zum Outfit gehört. Und leider herrscht die Ansicht vor, die männliche Kopfbedeckung dürfe deshalb in geschlossenen Räumen ruhig aufbehalten werden. Dem ist nicht so. Schon so mancher Bewerber wurde abgelehnt, weil er mit einer Kopfbedeckung zum Vorstellungsgespräch erschien. Käppis gelten als „unisex“ und sind auch für junge Damen in dieser Situation tabu.

Wann sollte man Mützen und Hüte abnehmen?

Männer nehmen ihre Kopfbedeckung ab, sobald sie Räume betreten, auch christliche Kirchen. Ausgenommen sind z. B. Kaufhäuser und Synagogen/jüdische Friedhöfe – hier gehört auch für Nichtjuden eine Kippa, ein Hut oder eine Mütze aufs Haupt. Aus Respekt. Ausgenommen sind hier Kopfbedeckungen aus dem sportlichen Bereich. Borgen kann man sich am Eingangsbereich der Synagogen übrigens Entsprechendes.
Beim Grüßen auf der Straße lüpft der Herr im Vorbeigehen seinen Hut leicht. Nur an die Krempe tippen, langt nicht. Weiche Tweedhüte und Mützen sind davon ausgenommen. Lässt ER sich auf ein Gespräch ein, nimmt er den Hut ganz vom Kopf. Und zwar mit der linken Hand – mit der rechten wird begrüßt – und so, dass der Hut den Augenkontakt nicht unterbricht. Die offene Seite des Hutes zeigt zum eigenen Körper hin, so kann das Gegenüber den eventuellen Speckrand im Inneren des Hutes nicht sehen!

Den historischen Hintergrund zum Hutziehen finden wir im Mittelalter. Der Ritter setzte seinen Helm ab und zeigte damit, dass er im Frieden kam. Er demonstrierte so auch seine Schutzlosigkeit. Jugendlich sollte man darauf aufmerksam machen, dass es gegenüber älteren Menschen respektvoll ist, die Kappe zur Begrüßung abzunehmen. Auch heute symbolisiert das Ziehen des Hutes noch, dass man einander wohl gesonnen ist. In der Kneipe oder beim familiären Gartenfest stört sicher niemanden ein fesches Käppi.

Frauen waren keine Ritter und durften ihre Kopfbedeckungen innerhalb geschlossener Räume aufbehalten. Der Damenhut war einst Bestandteil der Kleidung. Er wurde kunstvoll drapiert und gut festgesteckt. Heute muss unterschieden werden: bei Hochzeiten, Beerdigungen, Pferderennen und offiziellen Gartenpartys kann (muss manchmal) ein Hut getragen werden.

Wenn der Hut zum Kleid gehört, kann er bei vielen Gelegenheiten – z. B. im Café – aufbehalten werden. Im Restaurant wird immer mehr darauf verzichtet. Hüte, die „wärmen“, also zum Mantel/zur Jacke gehören, sollten abgenommen werden (z. B. ein Stetson).
Siehe auch „Letzter Aufruf für Herrn Reinhard S.!“ Susanne Helbach-Grosser (2013)