Unsere Umgangsformen

Dankbarkeit

Wissenschaftler stellten fest, dass es manchen Menschen schwerfällt, Dankbarkeit zu empfinden. Sie meinen, vor allem Personen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen könnten dem, was sie selbst haben, und anderen Menschen nur schwer Wertschätzung entgegenbringen.

Das ist die eine Seite. Und schlimm genug. Die andere ist, dass viele Menschen, die Dankbarkeit zwar empfinden, sie jedoch nicht ausdrücken können.

Oft ist ein „Danke“ nur ein von Kindesbeinen an, erlernter Reflex auf die Freundlichkeit von Mitmenschen – wenn zum Beispiel der Erwachsene ein Geschenk bekommt, wenn die Kollegin einem Arbeit abnimmt, der Nachbar das angenommene Paket vorbeibringt. Wir danken gut erzogen „Allen, die unsere Kandidatur unterstützt haben“, „Die uns ins Parlament gewählt haben“, der Sozialdezernent dankt denen, die ein Ehrenamt übernehmen.

Dankbarkeitsbekundungen sind in vielen Fällen kein tief empfundenes Gefühl. Man zeigt sich erfreut, weil’s eben höflich ist. Dabei ist es doch eigentlich selbstverständlich: Hat man etwas für andere getan, darf man auch einen Dank erwarten, und zwar ohne Ansehen der Person und der sozialen Hierarchie. Lob und Dank sollten ehrlich gemeint sein. Die richtige Dosis ist hier entscheidend.

Zu wenig und zu viel

Im Geschäftsleben ringen sich manche ein Lob ab; Manager warten mit dem Loben, bis ihre Mitarbeiter etwas genau richtig gemacht haben. Als Folge davon erreichen viele Menschen nie ihre Höchstleistung, weil Chefs sich darauf konzentrieren, sie bei Fehlern zu ertappen. Die „Lobverweigerer“ schaden sich selbst, denn Menschen ohne positives Feedback arbeiten weniger beflügelt als die Anerkannten.

„Vielen Dank für die Einladung“ oder gar: „Ich muss mich bei Ihnen bedanken!“ ist viel zu dürftig für ein teures Geschäftsessen in einem Edelschuppen oder ein privates Dinner. Da sollten sich die Eingeladenen ein paar warme Worte einfallen lassen, um auszudrücken, warum der Abend so angenehm und bereichernd war.

Manch einer steht allerdings einem (zu dick aufgetragene) Lob etwas hilflos gegenüber und antwortet dann mit Plattitüden wie: „Kein Problem.“ Denn viele haben nie gelernt, mit Lob umzugehen.

Bei Lob- und Dankesreden gilt es daher die Reaktionen der Gelobten im Auge zu behalten und die Menge anzupassen. Es klingt sehr sonderbar, wenn etwas Unwichtiges – wie die elegante Brille des Redners positiv herausgehoben wird, jedoch nicht der brillante Vortrag selbst. Oder wenn eben dieser Redner bei seinem nächsten Vortrag im launigen Ton angekündigt wird: „Da Sie beim letzten Mal ganz gut waren, haben wir Sie noch einmal eingeladen.“ Das ist verletzend und herabwürdigend.

Keine Freunde abschrecken!

Wer nicht Danke sagt oder sagen kann, verprellt selbst die besten Freunde. Es bleibt Enttäuschung zurück. Auf der anderen Seite gilt unter Freunden die Regel, dass man sich gegenseitig das Leben so leicht wie möglich macht. Aber verübelt man seinen Freunden es nicht doch ein klitzekleines bisschen, wenn sie nach einer schicken kleinen Feier (einmal) nichts von sich hören lassen?

Nun ist es aber auch wieder ziemlich stillos die Bekochten nach einem kulinarischen Abend daran zu erinnern, dass ihr Dank noch aussteht. Kommt er sehr spät – und mit schlechtem Gewissen –, haben wir sein Ausbleiben natürlich noch gar nicht bemerkt! Mit viel Fingerspitzengefühl muss man schon mal nachforschen, ob ein postalisch zugesandtes Geschenk überhaupt angekommen ist, wenn man nichts hört – neugierig ist man ja schon.

Dankbarkeit macht glücklich!

Danken tut nicht weh, denn die Freude, die man macht, empfindet man immer auch selbst. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, wie sich derjenige fühlt, dessen uneigennützige Freundlichkeit ins Leere läuft, kann nicht schaden. Sowohl im Business als auch im Privatleben sollte im eigenen Interesse das Danken und das Dankbar sein nie vergessen werden. Zudem ist Dankbarkeit eine wichtige psychologische Ressource, die einem das Leben unendlich erleichtern kann. Sie ist auch ein wichtiges Schmiermittel für die Gesellschaft.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Wenn du aus einem Bach trinkst, denke an die Quelle.“

Susanne Helbach-Grosser (2017)

Anfang und Ende

„Der erste Satz, der erste Akkord, der erste Blick, eine Geste, das erste Wort ist wichtig und oft am schwierigsten.“

Das sagen Schriftsteller, Briefschreiber, Komponisten, Smalltalker, Flirter, Redner und Moderatoren, Business-Menschen bei der Begrüßung.
Vom ersten Satz hängt viel ab – man schafft Vertrauen oder auch nicht, man fokussiert die Zuhörer auf sich. Und auch der letzte Satz ist nicht ohne: Soll er einen Ausblick bieten? Alles nochmals zusammenfassen? Darf man ohne ihn gehen? Anfang und Ende liegen oft nah beieinander.

Nelly und Jan, die ihr Neugeborenes bestaunen: „Hallo, Kleine, willkommen in dieser Welt“ und die, die ihre Omi zu Grabe getragen haben: „Leb wohl, wir behalten dich in unseren Herzen.“

Vom Anfang bis zum Ende mit Stil.

Und immer wieder treffen wir auf Regeln, Empfehlungen und Verabredungen im Zusammenleben, die den Anfang und das Ende betreffen. So fallen wir bei einer Begegnung nicht einfach mit der Tür ins Haus. Das Wort „grüßen“ kommt vom altdeutschen „grotrian“ – „jemanden zum Reden bringen.“ Mit einer ordentlichen Begrüßung drücken Sie Liebe, Sympathie und Zuneigung aus; sie ist ein Zeichen von Respekt, sie unterstreicht eine soziale Rangordnung und ist Ausdruck von bestimmten Machtverhältnissen. Gerade bei der Begrüßung zeigt der Mensch sein Niveau und signalisiert damit soziale und fachliche Kompetenz.
Falls Sie niemand bekannt macht, was in manchen Situationen sehr unangenehm sein kann, machen Sie sich einfach selbst bekannt. Dies leiten Sie am besten mit den Worten ein: „Guten Tag, ich bin ...“ Wenn Sie als Rednerin oder Seminarleiterin Ihren Zuhörerkreis begrüßen, nennen Sie das andere Geschlecht zuerst – also: „Meine Herren und meine Damen“ – was heute leider fast keine Frau mehr weiß. Ein Redner macht es umgekehrt. Daran sind wir gewöhnt.

Ein Anfang kann auch hier schwierig sein. Auf die manchmal peinliche Frage „Erinnern Sie sich an mich?“ können Sie antworten: „Ja – wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gesehen?“ Oder: „Finde ich auch prima, dass Sie hier sind – wie geht es Ihnen?“ Geben Sie von sich aus gleich eine Hilfe, die entspannt: „Wir haben uns beim Vortrag von XY in Frankfurt getroffen“ oder „Ich bin eine Freundin von ABC.“

Auch das Ende eines Smalltalks sollte Klasse haben. Unvermittelt zu sagen: „Also dann: Auf Wiedersehen“ ist schlechter Stil. Freundlicher wäre der Ausstieg: „War interessant, mit Ihnen zu sprechen, aber jetzt muss ich mich leider verabschieden, weil...“. Oder: „Vielen Dank für das angenehme Gespräch.“ Ansonsten verabschiedet man sich mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“.
Bei Freunden oder Bekannten darf es natürlich auch ein „Tschüss“ oder „Bis bald“ sein. Nie sagen: „Bis irgendwann“ oder „Man sieht sich“. Das lässt auf Desinteresse schließen.

Den Anfang machen zu dürfen ist ein Privileg. Wer geht zuerst durch die Tür? Die Frau, der Ältere, der Vorgesetzte, der Kunde, der Gast. Wer geht voran ins Restaurant? Der Mann muss heute nicht mehr nachsehen, ob das Etablissement seiner Dame gerecht wird! Wer zahlt, ist vorn.

Ein Ende kann auch bitter sein. In den USA professionalisieren die Unternehmen jetzt sogar die Kündigungen und lagern sie kostengünstig aus. Was bleibt, ist eine freundliche Frauenstimme am Telefon, die stellvertretend die Entlassung ausspricht. Dekadenz hoch drei.

Ein Ende ist immer auch ein Neuanfang. Es liegt an uns, ob dieser Anfang einen Zauber ins sich birgt. Susanne Helbach-Grosser (2016)

Revierverletzungen

Da breitet einer am Tisch seine Unterlagen fledermausartig weit aus und wir müssen uns schmal machen. Seine Ellenbogen rotieren als würden die Wiener Symphoniker dirigiert.

Räumliche Nähe ist schön, manchmal jedoch unangenehm und oft nicht angebracht. Fremde Personen halten wir je nach Kulturkreis mehr oder weniger (gern) auf Abstand. Geschäftlich wie gesellschaftlich. Die angemessene räumliche Distanz zu einer Person einzuhalten, hat sehr viel mit Takt zu tun.

Jeder Mensch lebt in seiner persönlichen „Raumblase“.

Computergestützte Bewegungsanalysen in der modernen Psychologie finden heraus, in welchen Zonen sich Menschen in bestimmten Situationen bewegen. Noch nicht sicher experimentell belegt sind die bisher veröffentlichten Maße vor allem für die intime Zone (unter 50 cm) und für die persönliche Zone (50 bis 150 cm). Die Abmessungen bei der gesellschaftlichen Zone (150 bis 360 cm) sowie die öffentliche Zone ab 360 cm sind dagegen haltbar.
Im Ausland werden wir mit anderen Wohlfühl-Abständen konfrontiert. Aber dazu ein andermal.

Achten Sie auch darauf, dass Ihr Verhältnis zum Raum Ihrer Rolle entspricht: Als Gastgeber(in) gehört Ihnen der Raum – sie agieren selbstsicher, bestimmend und machen einladende Gesten. Als Gast sind Sie zurückhaltend, abwartend, bis Sie aufgefordert werden.

Für das Raumverhalten (Proxemik) haben wir sozusagen ein Sinnesorgan. Das kann die räumlich-körperlichen Konstellationen „lesen“ und sozial-emotional deutet.

Wegen unserer Urerfahrungen greifen wir auch sprachlich darauf zurück:

  • „Meine Chefin steht voll hinter mir.“
  • „Dazu habe ich einen anderen Standpunkt.“
  • „Den ließ er einfach links liegen.“
  • „Jetzt können wir nach vorne schauen.“

Wer darf wen berühren?

  • In Deutschland falls gewollt, gleichberechtigte Menschen.
  • Vorsicht bei unterschiedlichen Hierarchiestufen: die Chefin eher den Auszubildenden, der Lehrer den Schüler ... – jedoch nicht umgekehrt.
  • Wer jemandem Hilfestellung anbieten möchte, sollte das auch verbal andeuten: „Kann ich Ihnen mit dem Gepäck behilflich sein?“ Nicht ratzfatz zugreifen!
  • Weibliches Service-Personal im Restaurant soll ja angeblich ein höheres Trinkgeld bekommen, wenn es die männlichen Gäste hin und wieder im Schulterbereich leicht berührt.
  • Viele Schwangere finden das ungefragte Tätscheln ihres Babybauchs unglaublich!

Dringt ein Fremder oder ein Kollege unerlaubt in Ihr Revier ein, sollten Sie reagieren, denn es geht um Ihr Wohlbefinden, um Ihre Konzentration … „Ich möchte nicht, dass Sie meine Korrespondenz lesen.“ „Hinter meinem Schreibtisch möchte ich alleine sein.“ Auch ein Ranghöherer darf sich einem Mitarbeiter gegenüber nicht zu viel Nähe erlauben. Knallt er seiner Sekretärin wiederholt eine Unterschriften-Mappe auf den Schreibtisch, wird sie das nur ganz wenige Male dulden und sich zu „rächen“ wissen. Distanzverletzungen werden immer geahndet.

Wenn Sie sehr hochgewachsen sind, länger als der Durchschnitt, haben Sie schon bemerkt, dass Ihr Gegenüber unwillkürlich einen Schritt zurückweicht. Treten Sie selbst einen Schritt zurück, damit der andere Sie im Ganzen wahrnehmen kann.

Treffen Fußgänger auf Rollstuhlfahrer, halten sie ebenfalls einen größeren Abstand; bei einem längeren Gespräch bald einen Stuhl heranholen und sich setzten.

Tritt Ihnen jemand subjektiv zu nahe, bilden Sie ein „V“ indem Sie sich mit einem kleinen Ausfallschritt auf die Seite des „Angreifers“ stellen. Und schon haben Sie wieder mehr Luft zum Atmen. Susanne Helbach-Grosser (2011)

„Hatschi!“ Und jetzt …?

Sind Sie auch der Meinung, dass in zahlreichen Situationen wie Besprechungen, Feierlichkeiten oder während eines Vortrags der Wunsch "Gesundheit" nicht passend und eher störend ist? Dann liegen Sie genau richtig.

Dem „Nieser“ in einem gefüllten Sitzungszimmer gute Wünsche für seine Gesundheit zu übermitteln, ist weder dem Niesenden gegenüber respektvoll - der dann alle Blicke auf sich zieht und sich für die Unterbrechung verantwortlich fühlt - noch dem Redner gegenüber, der für einen Moment die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden verliert.

Woher kommt dieser Brauch? „Eigene Gesundheit“ wünschte sich der Gesunde im Mittelalter zu Zeiten der niesintensiven Lungenpest. Wenn jemand in seiner Nähe nieste, flehte er Gott um die eigene Unversehrtheit an. Der Kranke war ihm "völlig egal". So wird es übermittelt. Übrigens wurden im Mittelalter Pestepidemien unter anderem durch böswillige Brunnenvergiftungen erklärt. Das nur am Rande.

Niesen ist ein Reflex, der kommt ganz unverhofft und ist nicht zu steuern. Wir reinigen damit unsere Nase, befreien sie von Staub oder anderen Fremdkörpern. Man muss auch nicht unbedingt krank sein. Manch einer niest, wenn er in eine starke Lichtquelle schaut, ein anderer, wenn er ein Schnäpschen trinkt.

Vielleicht war es in Ihrem Elternhaus auch nicht fein, Umstehende auf ein Geräusch aufmerksam zu machen, welches ein anderer fabrizierte. Leider haben sich die Menschen dies jedoch angewöhnt und nun besinnt man sich wieder auch die alte Form. Zugegeben: sehr vorteilhaft sieht auch niemand beim Niesen aus, auch nicht, wenn er dann eventuell noch die Nase putzt. Und gerade auf "kräftiges Prusten" sollte man nicht auch noch eingehen und dadurch das laute, oft unappetitliche Verhalten des Gegenübers honorieren.

Sollte der Geräuschverursacher denn um Entschuldigung bitten? Nur wenn dadurch eine Unterbrechung (zum Beispiel bei einer Rede) entstanden ist. Andernfalls würde er ja sonst noch nachträglich auf das kleine „Malheur“ hinweisen. Bei Dauerniesattacken langt eine einzige Entschuldigung.

Fühlen Sie sich auch manchmal plump, wenn sie den niesenden Mitmenschen ignorieren? Wenn der Sie erwartungsvoll anschaut? Hier kann es darauf ankommen, wo Sie sich befinden. Wie ist die Erwartungshaltung? Machen Sie doch einfach einen kleinen Smalltalk daraus: „Na, hoffentlich wird das keine Grippe ...“ Ansonsten lassen Sie sich nicht verunsichern und bleiben Sie bei Ihrem ursprünglichen Etikette-Wissen.

Ansteckung droht. Wie kann man sich höflich in einem stark erkältet Umfeld verhalten?

Auf engem Raum, zum Beispiel in einem Bahnabteil, kann man Husten- und Nies-Attacken kaum entkommen. Da schwirren die Viren + Bakterien nur so herum. Die Verursacher haben oft eine Laissez-faire-Einstellung zu ihrer Krankheit und erscheinen rücksichtslos. Man möchte sich bei jedem Trompeten-Nieser angeekelt wegdrehen - um sich selbst vor Ansteckung zu schützen, ist es angemessener, sich einfach umzusetzen. Rechtfertigen muss sich dafür niemand.

Kann Niesen unterdrückt werden? Wer in seiner Jugend fleißig Karl May gelesen hat, weiß, dass der beim Anschleichen ja nicht niesen durfte. Sein Trick: mit der Zunge hinter den oberen Schneidezähnen reiben, dann wird das Malheur oft vermieden – und man kommt heil davon!

Susanne Helbach-Grosser (2013)

Ein Kompliment ist wie ein Sonnenstrahl!


Manche Komplimente haben allerdings die Leichtigkeit eines Panzers: „Hallo, DU bist ja schlank geworden!“ - „Für Ihr Alter haben Sie sich aber gut gehalten!“ - „Dafür, dass Sie ein Mann sind, wirken Sie sehr anteilnehmend.“ Susanne Helbach-Grosser (2009)

Ein Kompliment ist wie ein Sonnenstrahl!

"Madame, Sie sind ein alter Kochtopf!“ Wunderbar – zumindest in Kamerun. Dort pflegt man der Hausfrau oder Köchin mit diesen Worten zu schmeicheln, weiß man doch in Afrika: Aus alten Töpfen stammen die köstlichsten Gerichte.

Ein Kompliment motiviert, wie Sie wissen, ungemein und steigert Ihren eigenen Sympathiebonus. Jeder will bewundert und anerkannt werden. Das ist ein menschliches Urbedürfnis. Deshalb sagen Sie spontan, wenn Ihnen etwas an anderen gefällt oder imponiert.

Um Komplimente machen zu können, müssen Sie sich mit anderen Menschen auseinandersetzen. Es wird sich Ihre Wahrnehmung ändern, wenn Sie sich auf die Suche nach etwas Anerkennenswertem machen. Und genau das ist die Absicht! Komplimente schaffen eine angenehme Gesprächsatmosphäre, denn Ihr Gegenüber fühlt sich von Ihnen beachtet und geachtet.

Das ernst gemeinte Kompliment am Anfang ist ein stilvoller Gesprächseinstieg: „Wie immer trifft man hier so viele interessante Leute.“ – „Das Buffet sieht fabelhaft aus.“ – „So eine gute Stimmung habe ich schon lange nicht mehr erlebt.“

Die richtige Dosis
Tragen Sie beim Loben aber nicht zu dick auf. Wer ständig alles und jeden lobt, wird schnell unglaubwürdig. Verbinden Sie Ihre netten Worte auch nicht mit Kritik oder einem Auftrag. Dies hätte den gleichen negativen Effekt, weil es als absichtsvolle Schmeichelei erkannt wird. Aber keine Sorge: Echte Komplimente, die von Herzen kommen, haben nichts mit Schleimerei zu tun. Schleimen transportiert in erster Linie Botschaften, die der andere hören will. Es will Sympathien wecken oder verstärken.
Kommen katzbuckelnde Mitarbeiter, die ihren Vorgesetzten Honig um den Mund schmieren, beruflich besser voran? Die Forschung zeigt: Geschicktes Schmeicheln verspricht durchaus (bescheidene) Vorteile – doch häufig um den hohen Preis, von den Kollegen verachtet zu werden.

Vorgesetzte und Pflichtgefühl
Als Mitarbeiter(in) steht es Ihnen normalerweise nicht zu, Beurteilungen über Ihre Vorgesetzten abzugeben – weder über deren Verhalten noch über ihr Aussehen. Üben Sie Zurückhaltung. Es könnte falsch verstanden werden. Anders bei einem wirklich freundschaftlichen Verhältnis mit Ihrem Chef oder Ihrer Chefin.
Entdecken Sie anders herum als Führungskraft in Ihrem beruflichen Umfeld die Möglichkeit für kleine Streicheleinheiten – und „streicheln“ Sie dann auch! Dadurch verändert sich Ihr eigener Blickwinkel, denn normalerweise fällt uns nur auf, wo es etwas zu kritisieren gibt. „Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Gift“, besagt ein Sprichwort.
Es ist ein großer Fehler, das Komplimente-machen aufzugeben. Wenn der Mensch nichts Charmantes mehr sagt, hat er auch keine charmanten Gedanken mehr. Frei nach Oscar Wilde. So ist es.

Auf jeden Fall kommen Komplimente schlecht an, die aus Pflichtgefühl und nicht aus ehrlicher Überzeugung gemacht werden. Die Wörter mögen stimmen, doch verrät der Tonfall die eigentliche Motivation. Loben Sie auch nicht etwas, das die andere Person stören könnte: „Also, ich finde Ihre Sommersprossen ganz reizend!“ Vielleicht versucht diese schon seit langem vergeblich, ihre „Gesichtspunkte“ zu bleichen. Oder à la Woody Allen: „Einen hübschen Hut haben Sie auf. Sieht man jetzt überall im Angebot – die ganze Stadt ist voll davon. Weiß mit Feder. Sehr hübsch.“

Nicht verletzen
Wer etwas Unwichtiges hervorhebt – beispielsweise die moderne Seidenkrawatte eines Redners, aber nicht seine klasse Rede – möchte sich letzten Endes nur selbst aufwerten. Oder wenn jemand ein knappes: „Danke, war ein schöner Abend“, hervorbringt, obwohl er in einem Edelschuppen fürstlich bewirtet wurde, verletzt. Da sind schon ein paar Wörter mehr fällig. Gar nichts zu sagen, wirkt auf andere abgrundtief stillos.
Manchmal genügen auch Mini-Streicheleinheiten: „Das ist eine gute Idee.“ – „Wohl wahr, was Sie da sagen.“ – „Ich sehe das auch so.“ – „Mir scheint, wir liegen auf der gleichen Wellenlänge.“ Auch beim Telefonpartner: „Das ist eine gute Idee.“ – „Ich verstehe Sie sehr gut.“ – „Gut, dass Sie das ansprechen.“

Oh weh, das ging daneben!
Und wie reagieren Sie auf ein unpassendes Kompliment? Am besten trotzdem positiv, denn die andere Person wollte Ihnen etwas Nettes sagen, und das ist auf jeden Fall eine freundliche Reaktion wert. Wer Komplimente austeilt, muss auch einstecken können. Preist jemand Ihren neuen Blazer, Ihre geschickte Präsentation, Ihr gewinnendes Wesen, Ihren Bericht, lassen Sie bitte kein „Ach, finden Sie wirklich?“ oder „Das ist doch nicht der Rede wert“ hören, sondern ein selbstbewusstes „Danke“ – nebst liebenswürdigem Lächeln. Zeichen eines gut entwickelten Selbstbewusstseins ist es, ein Kompliment sogar freimütig zu bestätigen: „Meine neue Frisur gefällt Ihnen? Das freut mich. Ich finde nämlich auch, dass sie mir gut steht.“

Komplimente und Lob sind zweierlei.
Während Komplimente sich eher auf die Person selbst und weniger auf eine bestimmte Leistung beziehen – also weitgehend zweckfrei sind, vermittelt Lob dagegen eigene Werte und Ziele und verstärkt so indirekt ein gewünschtes Verhalten. Lobe findet man insbesondere auch in hierarchischen Beziehungen, in denen der Lobende einer anderen Person übergeordnet ist (wie Eltern, Lehrern, Vorgesetzten). Ist Loben also sanfte Manipulation in bester Absicht?
In der Welt der Männerblogs gibt es unzählige Anweisungen, wie mann mit Komplimenten eine Frau „auf (seine) Spur bringt“. Immer nach dem Motto: “Was will sie hören?”

Manipulieren?
Kann man sagen, dass in unserer Kultur manipulierende (aber zuckersüße) Komplimente/Lobe unser am meisten gebrauchtes motivierendes Werkzeug sind? Das sie benutzt werden für Verhaltensänderung, um Beliebtheit zu erreichen, um Entwicklung zu richten, um Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken? Sind Komplimente eine akzeptable Version unseres Belohnung-Bestrafung-Systems, das in unserer Kultur vorherrscht, wie diskutiert wird?

Mit freundlichem Gesicht und einem ebensolchen Tonfall kann Kritik als Kompliment dargestellt werden. Und kommt bei dieser Meinung einer Person über eine andere Person nicht rüber: “Ich werde nicht als Individuum wertgeschätzt, sondern weil ich andere zufrieden stelle?“ Wird zum Beispiel ein Kind mithilfe von Komplimenten manipuliert und domestiziert?

Möchten Sie sich mehr mit diesen letzten Gedankengängen auseinandersetzen, empfehle ich Blossoming the child von Tamarack Song.

Aber trotz alledem: Geizen Sie nicht mit Komplimenten. Denn sie sind wie ein Sonnenstrahl! Susanne Helbach-Grosser (2009/2016)

Wo die eigene Freiheit endet

Wie es scheint, ist uns im vergangenen Jahr abermals eine gehörige Portion guter Sitten abhandengekommen. Lügen sind nun mehr wert als die Wahrheit, die Verrohung des (politischen) Lebens schreitet voran.

Es lebe die Vulgarität!

Auch wenn viele meinen, dass gutes Benehmen heute weniger gefragt ist, wünschen wir uns doch im Alltag einen rücksichtsvollen Umgang. Es mag ja stimmen, dass durch die Globalisierung unsere Gesellschaft einen immer schnelleren Kulturwandel erlebt. Bräuche und Normen vermischen sich und wechseln rascher. Aber sind wir deswegen so verwirrt, dass wir uns dermaßen grob verhalten müssen? Die eigene Freiheit endet doch genau dort, wo die Bedürfnisse der anderen beginnen. Die Sprache der Höflichkeit wird auf der ganzen Welt verstanden, wenn man sein Gegenüber nach seinen eigenen Maßstäben misst. Ob Vermischung gesellschaftlicher Konventionen oder nicht: 2016 strotzte nur so vor ungeheuerlichen Flegeleien.

Manche Promis scheinen ein Fettnäpfchen-Abo zu haben. Reinschlagen und sich danach entschuldigen ist wieder eine Ecke salonfähiger geworden. Diskus-Champion Christoph Harting pfiff bei der olympischen Siegerehrung auf die Etikette und vor allem auf die Hymne. Bob Dylan ignorierte (zu) lange seinen Nobelpreis für Literatur (ach, nie macht er, was von ihm erwartet wird), Pöbeleien gegen Stadtmitarbeiter nehmen zu, und …

… die Duzi-Duzi-Gesellschaft ist auf dem Vormarsch.

„Wer sich nicht duzt, isoliert sich“, klagt Lidl sture Siezer an. Wenn deutsche Konzerne das Sie streichen – juhu, wir haben nun ein Wir-Gefühl! – dann werden Hierarchien und Interessensgegensätze „sprachlich begrabscht“. Ich muss mich als Kundin von IKEA duzen lassen, Behörden reden mich manchmal mit dem Vornamen an, und da jetzt die Polizei das Internet entdeckt hat, werde ich fast liebevoll via Facebook aufgefordert, den Scheiß am Humboldtplatz zu lassen. Muss die Polizei denn nett sein? Im Du oder Sie spiegelt sich zweifellos noch eine ganze Weile Anstand, Respekt, Distanz oder Peer-Group-Verhalten.

Jahresrückblicke auf vielen TV-Kanälen. Nie waren es mehr als dieses Jahr, oder irre ich? Die am meisten gestellte Frage lautet: Was können wir von den praktizierenden und neu gewählten narzisstischen Willkürherrschern 2017 erwarten? Na, was wohl? Die bleiben, wie sie sind und verwandeln sich nicht in Sahnetortenstücke! Neue Lehrstücke gibt’s zu bestaunen: wie man mit 140 Zeichen in einem Tweed maximalen Schaden anrichten kann. Immer draufhauen ohne rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien! Susanne Helbach-Grosser (2016)

Ach, Herr Rach!

Neulich erschreckte mich eine Notiz in der Neuen Osnabrücker Zeitung gehörig: Sternekoch Christian Rach hat nichts dagegen, dass zufriedene Gäste in seinem Hamburger Restaurant den Teller ablecken! Ob sie den Finger nehmen oder die Zunge ist Herrn Rach egal - wenn es den Gästen gut schmeckt, dann möchte er auf dem Teller keine Reste sehen. Wow!

Ich wäre gerne sofort nach Hamburg ins „Tafelhaus“ gefahren, aber da war es schon für immer geschlossen. Nein, nein, nicht wegen der empfohlenen Tischsitten. Christian Rach möchte nur in Zukunft weniger arbeiten. Das sei ihm von Herzen gegönnt.

Diese kurze Meldung soll nun Anlass sein, den Wandel unsere Tischsitten zu beleuchten - sozusagen als kleines Benimm-Antiquariat mit Schmunzeleffekt.

Zu allen Zeiten haben sich die Menschen gut oder schlecht benommen. Gut oder schlecht, passend oder unpassend, das sind auf dem Gebiet des guten Tons allerdings sehr veränderliche Begriffe.

Von Karl dem Großen (um 750) sind erste feinere Tafelsitten überliefert. Er speiste nach würdevollem Zeremoniell. Bei Tisch wurde das Fleisch mit kleinen Messern aufgespießt, denn Löffel gab es nur wenige. Mit den Frauen kam der Benimm an den Tisch.
Ab dem 11. Jahrhundert verbesserten sich die Tischsitten, denn es wurden vereinzelt auch Damen zu Tafeln zugelassen. Die Paare saßen zusammen und benutzten gemeinsame Becher und eine Schüssel. Den Tisch schmückte ein Tuch, das aber auch zum Hände abwischen diente. Für das Benehmen bei Tisch wurden bald besondere Regeln aufgestellt. Jeder sollte vermeiden, seine fettigen Finger an der festlichen Kleidung abzuwischen und allzu hastig zu essen und zu trinken.

Weitere „Sittenregeln zu Tische“ fallen in die Zeit Friedrichs III./Barbarossas. Hier eine kleine Auswahl (Chronik Arnold v. Lübeck):

- Vor dem zu Tische gehen und nach dem Essen soll man seine Hände waschen (den Damen wird das Wasser zuerst gereicht, wobei Gemahl, Liebhaber oder Diener ihnen die Ärmel halten)
- Der Löffel soll mit der Kuhle nach unten liegen, da sich ansonsten der Teufel hinein setzen könnte
- Beim Trinken soll man in den Becher sehen und sich vorher den Mund wischen
- Beim Trinken soll man auch nicht in den Becher husten, noch Geräusche machen wie ein Pferd
- Das Brot beim Schneiden nicht an die Brust drücken
- Biete nicht anderen den Rest deiner Suppe oder das Brot, von dem du schon gebissen hast
- Vor dem Schlucken gut durchkauen, um nicht als Gierschlund zu gelten
- Nicht die Finger in den Becher tauchen
- Beim Auflegen von Speisen nicht die Finger benutzen
- Das schmutzige Messer nicht an Tischtuch oder Gewand, sondern am Brot abwischen
- Den Teller nicht mit den Fingern auswischen.

Die Fixierung der Westeuropäer auf Tischmanieren ist historisch gesehen relativ neu. Bei den mittelalterlichen Adligen war es eine ausgemachte Sache, dass man mit den Fingern und einem säbelartigen Messer isst. Jeder aß vom selben Gericht. Wenn jemand seine Mückenstiche oder Läusebisse kratzen musste, war es am besten, dies nicht mit dem nackten Finger zu tun, sondern diesen mit einem kleinen Stück Tuch zu umwickeln.

Einer der ersten Vermittler von Bildung und Umgangsformen war Erasmus von Rotterdam (1466-1536), der mit seinen Erziehungsbüchern für Fürsten (Fürstenspiegel) und seinem Benimmbuch (de civilitate) einen Leitfaden vorgegeben hat.
Franz I. (1494 – 1547), verfeinerte als erster französischer König die Lebens- und Liebesformen sowie die Tischsitten. Man lernte, wie man richtig hustet und sich schnäuzt und gepflegt Konversation macht.

Am Ende der Renaissance begann die höfische Gesellschaft, einen ausgefeilteren Kodex von Tischsitten zu entwickeln. Nun bekam jeder am Tisch seinen eigenen Löffel und seine eigene Schüssel. Gabeln fanden nur langsam Verbreitung. Im Gegensatz zum einfachen Volk sollten die vornehmen Leute fortan eine gewisse Feinfühligkeit kultivieren und spontane Verhaltensweisen unterdrücken.

Bis heute hat sich dieses „Unterdrücken der spontanen Verhaltensweisen“ weiterentwickelt. So erfolgreich, dass wir unseren „Mitessern“ bei Tisch keinesfalls den Anblick unserer Zunge auf dem Teller gönnen! Susanne Helbach-Grosser (2015)

Oh Gott, wie peinlich!

Ein Ihnen nahe stehender Mensch kanzelt im Restaurant wegen (vermeintlich) mangelnder Dienstleistung die Servicekraft ab, anstatt sachlich zu bleiben; auf einer Party macht sich der beste Freund zum Affen, als er Luftgitarre spielend herumhopst; die Schwägerin erscheint zu einer formellen Einladung sehr, sehr „casual“.

Kennen Sie das? Dieses Gefühl des Fremdschämens?
Was haben wir denn damit zu tun, wenn sich andere blamieren? Müssen wir uns verantwortlich fühlen?
Was habe ich denn damit zu tun, wenn sich eine Frau, die ich vor drei Jahren zur Etikette-Trainerin ausgebildet habe, verbreitet, sie sei schon sieben Jahre im Geschäft?

Nichts habe ich damit zu tun!
Es ist DEREN Problem, wenn die Mogelei ans Licht kommt.

Und trotzdem: Wenn unsere Aufmerksamkeit auf jemanden gerichtet ist, dem gerade Peinliches widerfährt, vermittelt uns unser Gehirn sofort eine Vorstellung davon, wie sich so etwas für uns selbst anfühlen würde. Die Psychologie würde in diesem Fall auch von „Identifikation“ sprechen.

Sören Krach und Frieder Paulus - Dipl.-Psychologen von der Universität Marburg haben herausgefunden, dass das Beobachten peinlicher Situationen eines Mitmenschen die gleichen Hirnareale aktiviert wie der Anblick körperlicher Schmerzen. Das Phänomen stellvertretender Scham ist unabhängig davon, ob die betroffene Person selbst die Situation als peinlich wahrnimmt, sagen beide. (Mehr dazu bei nano am 21. Oktober 2011.)

Hinter dem Phänomen „Fremdschämen“ steht ein Einfühlungsprozess, in dem eine Person A sich an Stelle einer anderen Person B schämt. Person B ist sich der schämenswerten Situation nicht bewusst, Person A aber durchaus. Aus dieser peinlichen Berührtheit für die Situation, in der Person B sich unwissend befindet, schämt sich Person A also stellvertretend für diese. Je näher einem eine Person steht, desto schlimmer schämt man sich für sie, weil man sich besser einfühlen kann.

So tritt das Gefühl des Fremdschämens auch auf, wenn jemand versehentlich mit offenem Hosenreißverschluss in die Veranstaltung kommt oder wenn wir Deutsche beobachten, die sich im Ausland sichtlich daneben benehmen.

Jeder Mensch gerät im Laufe seines Lebens in Situationen, in denen er am liebsten im Erdboden versinken möchte und errötet. "Oh wie peinlich" ist oft der erste Gedanke. Das Schamgefühl ist unangenehm, für den Erhalt von Werten wie Moral für eine Gesellschaft jedoch unverzichtbar.

Peinliche Momente sind meist nur von kurzer Dauer und wenn sie durch gestanden sind, werden sie meist schnell wieder vergessen.

Manchmal aber auch nicht: Einer bekannten Persönlichkeit versagt bei einer Gala das Deo – am Abendkleid allzu deutlich zu erkennen. Den Personen in unmittelbarer Nähe wird diese peinliche (?) Situation bewusst, sie fühlen mit der Persönlichkeit, ganz besonders, wenn ihnen das Pressegewitter am nächsten Tag bewusst wird und speziell, wenn sie der Person positiv gesinnt sind. Wenn dem nicht so ist, wird eher Schadenfreude empfunden.

Wie alle Gefühle hat auch die Fremdscham einen Mitteilungscharakter: Fast immer zeigt sie an, dass sich unsere Vorstellungen davon, wie sich Menschen verhalten sollten (uns selbst eingeschlossen) nicht mit unseren aktuellen Beobachtungen und Erfahrungen decken. In einem solchen Fall sollte man sich weniger Sorgen über die Gefahren des „Fremdschämens“ machen. Vielmehr sollte man sich fragen, ob man das eigene Verhalten nicht so verändern kann, dass der „Fremdscham“ der Boden entzogen wird. Susanne Helbach-Grosser (2014)

Originell Schluss machen

Wer einen Brief schreibt – geschäftlich oder privat – dokumentiert im wahrsten Sinn des Wortes schwarz auf weiß seinen eigenen Stil und den seines Unternehmens. Gleichzeitig wird der persönliche Stil im Umgang mit Geschäftspartnern und Kollegen erkennbar. Deshalb ist es sehr wichtig, Korrespondenz jeder Art mit größter Sorgfalt zu erledigen.

Behalten Sie immer im Hinterkopf, dass Ihre Briefe, Faxe und Mails eventuell archiviert und von anderen Personen als dem eigentlichen Adressaten gelesen werden können.

Das Ziel im Visier

Versetzten Sie sich zunächst in die Situation des Empfängers Ihres Textes und checken Sie, welche Vorteile Sie ihm bieten können. Daraus ergibt sich Ihr schriftliches Angebot, das auf die speziellen Bedürfnisse eingeht. Das heißt, der Adressat muss den Nutzen erkennen, den ihm die Leistungen des Unternehmens versprechen. Dass Ihr Unternehmen auch den eigenen Nutzen im Auge hat (haben muss), weiß der Kunde sehr wohl. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten profitieren. Nehmen und Geben in Einklang zu bringen stabilisiert den Erfolg.

Klassisch oder online: Korrespondenz mit Stil

Wer Ihren Brief (und andere Texte) liest – auch Vorgesetzte und Kollegen –, soll angenehm überrascht sein. Sie wissen: Durch Ihren schriftlichen Ausdruck wird Ihre Persönlichkeit transparent. Gerade in Zeiten harten Wettbewerbs ist solide Außenwirkung äußerst wichtig.

Das klingt nach Mühsal und Anstrengung? Keine Sorge. Alles, was Sie für einen gekonnten schriftlichen Auftritt brauchen, sind ein solides Grundwissen, psychologisches Einfühlungsvermögen sowie der Wille und genug Zeit, jeden Text so gut wie möglich zu gestalten und zu formulieren.

Abgesehen von firmenspezifischen Standardschreiben, sollte jeder Brief ein Unikat sein, ob Angebot, Gratulation, Dank- oder Kondolenzschreiben. Die Komponenten Optik, Stil, sprachliche Umsetzung und Ordnung ergeben das Gesamtbild, das auch Gedanken und Gefühle auslöst, positive oder negative.

Die Anrede

Die nüchtern-professionelle Anrede in der Geschäftskorrespondenz lautet: „Sehr geehrte Frau Ludwig“ oder – wenn Sie keinen Ansprechpartner haben – „Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren“. Regeln sind gut und sollten verinnerlicht werden, aber das sollte Ihre Kreativität nicht behindern. Sie können auch einmal ausbrechen, wenn es sich anbietet:

- Guten Tag, Herr Müller
– Hallo, Frau Schmidt
– Lieber Herr Vetter
– Lieber Peter Klein
– Grüß Gott, Frau Sauerbier

Beginnen Sie die Einleitung immer positiv. Am Anfang sollte möglichst etwas Erfreuliches stehen und worum es geht. Vielleicht ist ein Dank möglich, um den Empfänger positiv einzustimmen: „Vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.“ Oder: „Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserem Produkt X.“ Oder: „Einfach nur vergessen? Keine Zeit gehabt?“ Phrasen wie „Wir bestätigen Ihnen den Eingang Ihres Schreibens vom …“; „Bezug nehmend auf …“ oder „Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen …“ sind Amtsfloskeln und langweilen den Leser.

Schlussformel und Unterschrift

Heute ist fast alles erlaubt, was von Herzen kommt. Der Abschiedsgruß sollte aber auf jeden Fall zur Anrede passen. Haben Sie „Liebe Frau Thomsen“ geschrieben, dürfen Sie „Herzliche Grüße“ unter den Text setzen. Bei Ihrer Schlussformel sollten Sie Ihrer Fantasie keine Grenzen setzen. Variieren Sie den Gruß immer wieder einmal, um Stereotypen zu vermeiden. So könnte das aussehen:

– Mit der Bitte um Verständnis und einem freundlichen Gruß
– Für heute einen herzlichen Gruß
– Freundliche Grüße von Haus zu Haus
– Alles Gute und bis bald
– Beste Grüße aus/nach
– Wir wünschen Ihnen eine gute Anreise
– Sommerliche Grüße aus Berlin
– Es grüßt Sie herzlich
– Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Woche
– Auf gute Zusammenarbeit freut sich
– Viel Erfolg wünscht

Das Freundliche soll nachwirken. Und noch etwas: Schreiben Sie nicht: „In der Hoffnung … verbleiben wir …“ Hoffen Sie nicht, seien Sie überzeugt – obwohl Sie das nicht unbedingt sagen sollten. Auch die Floskel „Sollten Sie noch Fragen haben, stehen wir jederzeit zur Verfügung“ klingt ziemlich abgestanden. Im Schlussabsatz können Sie den Namen des Empfängers noch einmal erwähnen: „Wir freuen uns, sehr geehrter Herr Konrad ...“ Das zeugt von Respekt und vornehmem Stil.

„Nach Diktat verreist“ klingt angeberisch von vor-vor-gestern. Unterschreibt stellvertretend die Sekretärin, setzt sie handschriftlich ein „i. A. (im Auftrag)“ vor ihren Namen.

Und nun noch etliche literarischen Briefschlüsse, die natürlich ausnahmslos für den privaten Gebrauch bestimmt sind! Lassen Sie sich von den Beispielen zu eigenen Höhenflügen anregen!

Poetisch:

  • Grüßen Sie den kleinen Sessel mit dem grünen Kissen und Gerôme. (Rilke)

Trickreich

  • Wenn ich dir wenig schreibe, so nur deshalb, weil ich dir viel zu sagen hätte. Der Verrückte an eine Verrückte! (Heine)
  • Ich gedenke deiner und denke mir meines. (Tucholsky)

Ironisch-geistreich

  • Sei überzeugt, dass ich dich liebe und sehr verdrießlich bin. (Heine)
  • Rauch nicht zu viel und heiz gut und behalte mich in Erinnerung (und schreib mir „deine“ unter die Briefe). Ich küsse dich. (Brecht)
  • Geben Sie mir bald Nachricht von sich und anderen neuen und großen Menschen. (Eckermann)

Amourös

  • Eine einzige Zeile, ich bitte Sie recht sehr darum! (Lessing)
  • Ich küsse dich trotz Schnupfen und bin dein lieber Kassenpatient. (Tucholsky)
  • Erhalten Sie mir Ihr Herz, dessen ganzen Wert nur ich kenne! (Lessing)
  • Ich küsse dich auf das kleine Grübchen deiner rechten Wange. Betrage dich, wie ich es verdiene. Dein Hund und Gatte. (Heine)

Spirituell

  • Gott sei bei Euch, wie ich bei Euch bin. (Goethe)
  • Alles Gute, Fröhliche und Göttliche! (Arndt)

Freundschaftlich

  • Für Sie, liebe Freundin, habe ich eine besondere Ecke des Herzens, die recht voll ist! (Rilke)
  • Rächen Sie sich, indem Sie mir ebenso weitläufig antworten. (Lessing)
  • Immer Kopf oben, wie ihr alter Freund. (Fontane)

Ganz kurz

  • Dank für alles.
  • Nochmals und immer wieder Ihr ...
  • Habt es gut!
  • Grüßen Sie mir alles und alle.
  • Sonst weiß ich nichts. (Tucholsky)
  • Das Papier ist zu Ende. (Heine)

Diese Zusammenstellung erschien in der simplify your life-Ausgabe schon im April 2004. Susanne Helbach-Grosser (2012)

Feinfühligkeit erhält die Freundschaft

Schon so manche Freundschaft ist zerbrochen oder Geschäftsbeziehung versandet, weil es an der nötigen Feinfühligkeit fehlte. Wer erfolgreich ist und mehr Geld verdient als der andere, sollte besonders vorsichtig sein, um keinen Neid zu erregen und den Selbstwert anderer nicht zu untergraben. Bescheidenheit ist noch immer eine Zier und vor allem guter Stil.

Wer besser verdient, sollte generell Rücksicht auf seine Freunde und Freundinnen nehmen, die nicht im gleichen Maße mit materiellen Gütern gesegnet sind. Ich würde sie hin und wieder einladen, und das dann auch vorab als Einladung deklarieren. Es darf jedoch kein Abhängigkeitsgefühl aufkommen und schon gar nicht etwas Gönnerhaftes. Im Restaurant muss man als besser gestellter Partner nicht unbedingt die teuersten Gerichte bestellen, wenn man weiß, dass sich die anderen das nicht leisten können.

Apropos Restaurant: Wie sage ich jemandem, dass seine/ihre Restaurant-Wahl zu teuer für mich ist? Nun, erstmal wirkt es erwachsen, sein Budget im Griff zu haben. Wem die Preise zu hoch sind, darf natürlich einen Restaurantbesuch ablehnen. Um trotzdem gemeinsam (mit Freunden) essen zu gehen, schlägt man selbst ein Lokal vor und organisiert den Besuch auch gleich. Die Strategie, stets mit dem Verzehr von Vorspeisen das Einkommensgefälle kaschieren wollen, funktioniert nicht. Wenn man selbst nie mithalten kann, was nützen dann die tollsten Freunde? Und andersherum: Wer kostspielige Gewohnheiten hat, ist es irgendwann Leid, selbst ein Drei-Gang-Menü zu genießen, während andere die Salatblätter mehrmals wenden.

Verzwickt wird es auch in solchen Situationen: zum Beispiel beim Vorschlag für eine gemeinsame Urlaubsreise. Feinfühlige ohne finanzielle Beschränkungen werden dann nicht großartig fragen: "Kommt Ihr über Pfingsten mit nach Kalifornien?“ Oder: „Wir chartern eine Segeljacht im Mittelmeer, macht Ihr mit?“ Das bringt die anderen, die sich das nicht leisten können, in die Verlegenheit, bei der Ablehnung entweder zu lügen oder die Wahrheit zu sagen. Das hebt nicht unbedingt ihr Selbstwertgefühl, das gute Freunde eigentlich stärken sollten.

Ein gewisses Selbstbewusstsein ist auf beiden Seiten gefragt: Der, der sich nicht so viel gönnen kann, weiß, wo seine Grenzen sind und formuliert das auch hin und wieder - der andere protzt nicht mit seinen Möglichkeiten, leistet sich jedoch seine Fernreise und teilt die Erfahrungen anschließend mit den Freunden.

Ähnlich ist es mit Geschenken, die ja normalerweise ein Beziehungsangebot und oft genug gegenseitiger Austausch sind. Etwa zu Geburtstagen. Da sollte man sich genau überlegen, ob ein über Gebühr wertvolles Geschenk angebracht ist. Die anderen, die nicht so viel Geld ausgeben können, fühlen sich dann verpflichtet, mit „gleicher Münze“ zurückzuzahlen. Das löst allerdings Unmut aus und kann die Freundschaft erheblich beeinträchtigen.

Auch bei Geschäftspartnern ist auf Ausgewogenheit im Spendieren zu achten. Das Gesetz des Gleichgewichts wird verletzt, wenn im Business einer mehr gibt als der andere. Es bleibt ein schlechtes Gewissen zurück, die erfahrenen Wohltaten nicht erwidern zu können oder zu wollen. Das löst unterschwellige Aggression aus und kann den Geschäftserfolg torpedieren. Der Sensor der Feinfühligkeit ist in allen Lebenslagen ein unverzichtbares Instrument, um Beziehungen zu erhalten und festigen. Susanne Helbach-Grosser (2015/2019)

Ein Doktorgrad macht was her.

Der Herr oder die Frau Doktor bekommt unter Umständen einen besseren Tisch im Restaurant oder wird bei der Wohnungssuche bevorzugt. Denn der Titel steht für Seriosität. Der Run auf den Titel ist ungebremst und er wird nicht nur bei ausländischen Universitäten (Gulaschdoktor) für satte Sümmchen angeboten – auch „Ghostwriter" buhlen ganz frech um die Gunst des Kunden.

In meinen Seminaren werden häufig diese beiden Fragen gestellt:

  1. Ob und wann man die Titel nennt und
  2. ob sie wirklich zum Namen gehören?

1. In neuerer Zeit ist der Dr. in Deutschland als akademischer Grad für alle Fakultäten gebräuchlich geworden. Die Anrede Herr Doktor oder Frau Doktor ohne Namensnennung ist praktizierenden Ärzten vorbehalten – wobei ein Guten Tag, Frau Doktor Piekfein wesentlich runder klingt.

Ein gut erzogener Mensch nennt seinen Grad oder Titel bei der Selbstvorstellung nicht. Außer er steht einer Spontan-Gebärenden in der U-Bahn bei, dann ist es wichtig für die Frau zu wissen, dass er Doktor Schneider und Arzt ist. Die Höflichkeit verlangt die Anrede mit Doktor (natürlich auch mit Professor), bis dieser „erlassen“ wird. Träger(innen) akademischer Grade legen oft weniger Wert auf deren Verwendung als angenommen wird.

2. Akademische Grade sind keine Bestandteile des Familiennamens. Der Bundesgerichtshof hat hierzu in seiner Entscheidung vom 19. Dezember 1962 (BGHZ 38, 380) ausgeführt, dass sich die Eintragungsfähigkeit akademischer Grade aus der ständigen Übung ergebe, sie in die Personenstandsbücher und -urkunden aufzunehmen. Dies geschieht, obwohl sie weder Bestandteil des Namens seien noch dem Beruf zugerechnet werden könnten und es auch an einer gesetzlichen Grundlage für die Eintragung fehle.

Der Doktor hat also keinen Rechtsanspruch auf eine solche Anrede – und ist auch nicht verpflichtet, seinen Titel oder akademischen Grad zu nennen.

Im Gegensatz zu Namensbestandteilen kann der Doktor nicht an Kinder und Enkelkinder vererbt werden.

Hingegen sind Adelsbezeichnungen und Adelsprädikate seit der so genannten Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 aufgehoben. Sie wurden Bestandteil des Familiennamens. Dies bedeutet auch, dass Adelsprädikate nicht mehr verliehen werden dürfen.

Manche Menschen werden aufgrund besonderer Verdienste mit einer Ehrenprofessur oder einem Doktor ehrenhalber ausgezeichnet (Dr. h.c. = honoris causa oder Dr. e.h. = Ehren halber). Ein Ehrentitel ist auch kein Namensbestandteil. In diesem Sinne, Ehre wem Ehre gebührt, Susanne Helbach-Grosser (2012)

Reicht „Sorry“, „Pardon“ oder „Tschullijung“ für die Absolution aus?

Öffentliche Entschuldigungen fliegen uns in den letzten Wochen nur so um die Ohren!
Golf-Star Tiger Woods entschuldigte sich „durchchoreographiert“ in einer TV-wirksamen Stellungnahme. Deutsche Bischöfe entschuldigen sich im Namen der katholischen Kirche bei allen Opfern. Jesse James entschuldigt sich bei Sandra Bullock. Manche entschuldigen sich auch nicht, wie Josef Ackermann bei Bundespräsident Horst Köhler wegen der Finanzkrise. Schauen wir uns die Entschuldigungspraxis etwas näher an.

Wer sich falsch verhält oder unachtsam gegenüber anderen ist, lädt eine moralische Schuld auf sich. Gefeit davon ist niemand. Um das schlechte Gewissen möglichst schnell wieder los zu werden, bat man einst um Verzeihung, um Entschuldigung. Heute soll ein hingeworfenes „Sorry“, „Pardon“ oder „Tschullijung“ für die Absolution ausreichen. Wir sprechen uns einfach selbst von Schuld frei. Wir erleben, dass das Verb entschuldigen reflexiv gebraucht wird: „Ich entschuldige mich.“ Dieser Gebrauch ist seltsam, da ja entschuldigen für die Aufhebung einer Schuld steht. Und die muss vom Schuldopfer gewährt werden – vielleicht auch nicht. Oder wie es Karl Valentin formulierte: „Ich verzeihe mir in aller Form, dass ich Sie beleidigt habe!“

Die Bahn macht uns noch eine raffinierte Variante vor: „Der Anschlusszug kann leider nicht erreicht werden. Wir bitten die entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen“. Man bittet für den Fehler – dieses eigenständige Wesen – um Entschuldigung!

Sind wir unter Menschen, bitten wir zigmal am Tag um Entschuldigung. Ist das aber immer gerechtfertigt?

  • "Ich bitte um Entschuldigung, wie komme ich zum Zoo?" „Guten Tag, können Sie mir sagen, wie ich zum Zoo komme?“ – ist doch ausreichend.
  • „Entschuldigung, ich möchte zahlen.“ Die unaufmerksame Restaurantfachkraft auch noch um Entschuldigung bitten, damit Geld in die Kasse kommt?
  • „Oh, Entschuldigung“ – wenn man selbst grob angerempelt wurde und der Lümmel darauf antwortet: „Äh, nix passiert.“ Entspannend wäre in dieser Situation natürlich, wenn beide Parteien kurz um Verzeihung bitten, auch wenn eine unschuldig ist.
  • In manchen Dialekt geprägten Regionen ist ein “Das müssen Sie entschuldigen“ allgegenwärtig. Nun, das muss ich nicht. Hört sich zudem an, als würde es der Person schwerfallen.
  • Die Formulierung "Entschuldigen Sie bitte vielmals" darf allenfalls so klingen: "Ich bitte vielmals um Entschuldigung". Denn jemanden aufzufordern, etwas vielmals zu entschuldigen, ist schon ein starkes Stück.

Wir bitten um Entschuldigung, wenn wir uns am Telefon verwählt haben, zu spät zur Sitzung kommen, eine Unterhaltung unterbrechen. Und SIE kündigt am Tisch mit einem: „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment“ an, dass SIE gleich aufstehen wird, und gibt IHM Gelegenheit, sich elegant zu erheben.

Forscher der Universität Nottingham kamen in einer Studie aus dem Jahr 2009 zu dem Schluss, dass eine Entschuldigung beim verärgerten Kunden wesentlich mehr bringt als finanzielle Entschädigung für den erlittenen Schaden. Demnach reagieren Kunden, die von einem Unternehmen schlecht behandelt wurden, nach einer Entschuldigung anders als wenn ihnen für den erlittenen Schaden nur Geld angeboten wurde. Nach einer Entschuldigung waren die Klienten doppelt so häufig dazu bereit, dem Unternehmen zu verzeihen. Die schriftliche – ernst gemeinte – Entschuldigung scheint praktisch ein Allheilmittel zu sein denn offensichtlich gibt es einen fast biologischen Instinkt, der wie ein innerer Trieb ist, einem Schuldner nach einer ausgesprochenen Entschuldigung zu vergeben.
In der Soziologie wird Entschuldigung mit Scham und Schuldeingeständnis verbunden. Wir scheinen diese Macht der ausgesprochenen und übermittelten Schuld viel zu sehr zu unterschätzen. Quelle: pressetext.austria

Hoffentlich sind Sie wie ich der Meinung, dass eine Entschuldigung nicht nur heiße Luft sein sollte.
Nehmen Sie Entschuldigungen anderer an. Danach sollte der Fall erledigt sein. Seien Sie nicht nachtragend, reiten Sie nicht darauf um, wärmen Sie den Konflikt nicht immer wieder auf. Damit schädigen Sie sich nur selbst.

Entschuldigen Sie mich (für diesen langen Text), sonst tue ich es selbst! Susanne Helbach-Grosser (2010)

Herzlich danken oder nicht?

Eine Freundin fragte mich kürzlich: „Zum Geburtstag bekomme ich immer sehr nette, persönliche Glückwunschkarten oder Briefe, auch von hochrangigen Personen. Sag mal, muss ich dafür eigentlich (immer) schriftlich danken?“

Meine Antwort war JEIN: „Wenn du sicher sein kannst, einen Gratulanten bei einer späteren Gelegenheit zu treffen, solltest du zu erkennen geben, dass du dich sehr über die Glückwünsche gefreut hast. Schriftlich antworten würde ich, wenn jemand ganz persönlich gratuliert hat – also keine vor gedruckte Karte gesendet hat. Notiere dir die Geburtstage der Menschen, die immer so lieb an dich denken, und gratuliere ihnen dann ebenfalls. Im Übrigen folge deinem Gefühl.“

Grundsätzlich gilt: Wer sich überlegt, ob er danke (und auch bitte) sagen müsste, sollte es auf jeden Fall tun! „Ich muss mich bei Ihnen bedanken!“ Hört sich jedoch an, als würde es schwerfallen.

Bei einem runden Geburtstag, natürlich auch bei einem Geschenk zu diesem Anlass, ist es stilvoll, schriftlich oder telefonisch für Glückwünsche und/oder Geschenk zu danken. Vor allem auch dann, wenn der Gruß in persönlichen Worten gehalten war. Gratulanten in weit entfernten Ländern können Sie per Mail einige liebe Dankesworte senden. Bedankt sich jemand bei Ihnen für etwas, nehmen Sie dies einfach in stiller Freude entgegen. Ein „Danke“ für das „Danke“ wäre zu viel des Guten.

Nach einer Einladung im kleinen, privaten Kreis ist es ein Gebot der Höflichkeit, sich an einem der nächsten Tage telefonisch oder handschriftlich für den schönen Abend zu bedanken. Das tut den Gastgebern, die sich viel Mühe gegeben haben, gut und würdigt ihr Engagement. Waren Sie dort auch als Übernachtungsgast willkommen, ist ein Blumenstrauß oder ein kleines Geschenk als Dank angebracht - zum Abschied oder später.

Wer nicht Danke sagt oder sagen kann, verprellt selbst die besten Freunde. Es bleibt Enttäuschung zurück. Auf der anderen Seite gilt unter Freunden die Regel, dass man sich gegenseitig das Leben so leicht wie möglich macht. Aber verübelt man seinen Freunden es nicht doch ein klitzekleines bisschen, wenn sie nach einer schicken kleinen Feier (einmal) nichts von sich hören lassen?
Nun ist es aber auch wieder ziemlich stillos - ja roh -, den Beschenkten, den Eingeladenen oder Bekochten nach einem Jubiläum, nach einem kulinarischen Abend daran zu erinnern, dass sein Dank noch aussteht. Kommt er sehr spät – und mit schlechtem Gewissen –, haben wir sein Ausbleiben natürlich noch gar nicht bemerkt!
Auf der anderen Seite kann schon mal ein postalisch zugesandtes Präsent auf der Strecke bleiben und man ist doch neugierig, ob es überhaupt angekommen ist – also dann doch nachforschen? Ja, mit sehr viel Fingerspitzengefühl.

Bedanken Sie sich im Beruf auch in Schreiben oder Mails an die Kolleginnen und Kollegen für deren Unterstützung und Mitarbeit. Loben Sie auch. Nicht wenige Vorgesetzte versagen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die verdiente Anerkennung in der Befürchtung, dass diese dann gleich mit der Forderung nach einer Gehaltserhöhung auf der Matte stehen. Die Lobverweigerer schaden sich hier selbst, denn Menschen ohne positives Feedback arbeiten weniger beflügelt als die Anerkannten. Susanne Helbach-Grosser (2011)

„Schenken will gelernt sein“, sagt der Volksmund.

Ein Geschenk ist immer freiwillig. Ist es jemals nötig? Geschenke sollten angenommen werden – sie müssen nicht mit gleicher Münze heimgezahlt werden.

Geschenke spiegeln, welches mentale und emotionale Bild der Schenker vom Beschenkten hat - und auch, wie man den anderen haben will. Schenken ist eine Form der Kommunikation, eine feine Sprache und vor allem ein Beziehungsangebot. Es zeigt: Ich bin dir wohl gesonnen, ich will ein Freund sein.

Reagiert der Beschenkte mit Freude, ist das Beziehungsangebot angenommen. Schlimmster Fauxpas ist, wenn das Geschenk nicht zum Selbstbild des Beschenkten passt. Gute Geschenke setzen voraus, dass sich der Schenker wirklich tiefgründig mit dem anderen auseinandersetzt. Heute machen wir uns auch Geschenke meist nicht des finanziellen Wertes wegen. Wir könnten uns die Sachen fast alle selbst kaufen. Nicht kaufen können wir uns jedoch das Gefühl, das beim Schenken transportiert wird – die soziale Wertschätzung.

Geschenke bereiten leider nicht immer Freude, denn sie können alles sein: Ausdruck altruistischen Handelns, Ausübung eines gewissen sozialen Drucks, eine eigene Verpflichtung für einen Gefallen oder für ein voran gegangenes Geschenk. Zu teure Geschenke können einen Grad an Verpflichtung und Nähe signalisieren, der dem Empfänger unangenehm sein kann und als Druckmittel verstanden werden könnte.

Gibt es DAS passende Geschenk?

Häufig kommt ein klein wenig Luxus gut an, den man sich selbst eher nicht gönnen würde. Mit neutralen Präsenten aus dem Wein- oder Feinkosthandel kann man zwar nichts verkehrt machen, sie sind aber auch eher unpersönlich.

Viele Menschen, die lieber für den Augenblick schenken, gehen heute dazu über, gemeinsame Erlebnisse zu schenken: vom Kinogutschein über das Theaterabo bis zum Fallschirmsprung. Diese Geschenke beinhalten eine eindeutige Aufforderung zum gemeinsamen Erleben. Sie signalisieren, dass der Schenker mit dem Empfänger des Geschenks gemeinsame Zeit verbringen will.

Das sollte man nur tun, wenn man sich ganz sicher ist, dass der Beschenkte das auch gerne möchte. Sonst wirkt so eine Einladung zum Konzert oder Theaterbesuch schnell aufdringlich. Der Beschenke sollte auch nicht den Eindruck bekommen, dass der Geber nur sich selbst etwas Gutes tun will.

Vor originellen Geschenken wird oft gewarnt. Sie wandern mit Sicherheit in die hintersten Ecken des Wohnzimmerschrankes. Wie ungerecht! Kommen doch gerade die originellen Geschenke von Herzen. Schließlich gibt es Menschen, die sich wirklich mögen! Und für diese findet man dann auch Dinge ohne Verfalldatum.

Schenk-Wettkämpfe unter Kollegen

Muss sich ein Mitarbeiter eigentlich dem Gruppenzwang unterordnen, wenn die Kollegen für ein gemeinsames Chef-Geschenk sammeln? Ja, auch wenn die Situation für ihn im Betrieb nicht so doll ist, sollte er sich nicht ausgrenzen.

Die Kollekten oder die Präsente der Kollegen untereinander brechen in manchen Unternehmen in regelrechte Wettkämpfe aus. Das nächste Geschenk muss besser und teurer sein als das vorhergehende. Trauen Sie sich, diesen Marathon zu durchbrechen. Es ist auch unüblich, dass einzelne Mitarbeiter ihrem Chef persönliche Geschenke machen. Das könnte als Beeinflussungsversuch missverstanden werden. Führungskräfte hingegen haben die Freiheit, ihre Mitarbeiter mit einer Kleinigkeit zu überraschen – so werden Leistungen belohnt und Wertschätzung gezeigt.
Teure Geschenke sind nur bei (runden) Jubiläen angebracht. In diesem Fall kommt das Präsent vom Kollegenkreis oder der Unternehmensleitung, nicht jedoch von einem einzelnen Mitarbeiter.

Auch bei Aufmerksamkeiten für Geschäftspartner ist es wichtig, auf den Wert zu achten. Einmal abgesehen von den betrieblichen und steuerlichen Vorgaben, soll das Präsent kein schlechtes Gewissen erzeugen.
Hin und wieder wird die Situation beim Überreichen auch falsch interpretiert: Sind nur der Schenkende und der Beschenkte anwesend, könnte an Bestechung gedacht werden. Wenn ein Mann einer Frau ein Geschenk überreicht, kann das fälschlich als romantische Geste interpretiert werden. Für den Mann ist es sicherer, zu sagen: „Das ist ein Geschenk von uns/meiner Frau an Sie/an Ihre Frau.“

Zuviel Intimität ist tabu!

Welche Geschenke sind peinlich? Selbstgemachtes kann sehr problematisch sein – außer Sie sind für Ihre Chutneys im Kollegenkreis berühmt. Körperpflegeserien, Kleidung und Parfüm stehen auf dem Index – wobei sich die Lieblingskollegin bestimmt über „ihren“ Duft sehr freuen wird.

Oft wird mir die Frage gestellt, ob man ein Buch in der Originalverpackung verschenkt. Immerhin beweist die unversehrte Kunststoffhülle, dass ich das Buch nicht selbst zuerst gelesen habe. Trotzdem: Ein Buchpräsent mit Hülle ist äußerst stillos. Viele Menschen glauben auch, dass ein Buchhändler ein ausgepacktes Buch bei Nichtgefallen nicht zurücknimmt, was jedoch nicht stimmt. Natürlich sollte es dann ohne Widmung sein. Die legen Sie, falls Sie unsicher bei Ihrer Auswahl waren, auf einer schönen Karte mit ins Buch.

„Schenken heißt, einem anderen das geben, was man selber behalten möchte.“ Selma Lagerlöf, Susanne Helbach-Grosser (2014)